Leser fragen - Kongzi antwortet

Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,

aufgrund der großen und erfreulichen Resonanz auf meine Veröffentlichungen habe ich mich entschlossen, eine neue Kategorie auf dieser Webseite anzubieten: Leser fragen - Kongzi antwortet. Durch viele persönliche Gespräche oder auch Kontakte über diese Webseite konnte ich feststellen, daß sich viele Menschen sehr intensiv mit den in den Büchern veröffentlichten Themen auseinandersetzen, wofür ich allen recht herzlich danken möchte. Gleichzeitig zeigt es mir aber auch, daß viele Antworten nur neue Fragen aufwerfen, wie es so oft im Leben ist, und daß selbst ausführliche Besprechungen in den Büchern kaum genügen können, wirklich tiefgründige Probleme umfassend zu erörtern.

Aus diesem Grund biete ich Ihnen hier die Gelegenheit, Fragen zu stellen, deren Beantwortung ich aus der jahrtausendealten Weisheit der chinesischen Literatur und Philosophie ableiten möchte. Falls Sie selbst eine Frage stellen möchten, kontaktieren Sie mich einfach über das Kontaktformular. Bitte haben Sie aber Verständnis, daß ich nicht jede einzelne Frage beantworten kann, zumal auch viele gleichartige Anfragen eintreffen. Deshalb werde ich diese sammeln und in unregelmäßigen Abständen und nach genügend langem Nachdenken hier auf der Seite zusammenfassen und beantworten. Sollten sich mit der Zeit weitere Erkenntnisse ergeben, werde ich diese gegebenenfalls auch ergänzen. Es lohnt sich also, immer mal wieder vorbeizuschauen.



Impfreihenfolge

Frage:

Hätte Kongzi eine Antwort auf die Frage gehabt, wer in der jetzigen Situation zuerst geimpft werden sollte?

Antwort:

Eigentlich, das muß ich ehrlich zugeben, möchte ich keine Fragen beantworten, die unmittelbar mit der Corona-Pandemie zusammenhängen, da auch Kongzi die Antworten eher so gegeben hätte, daß sie weit über einen konkreten Aspekt hinausweisen. Da aber viele gleichartige solcher Fragen eingehen, möchte ich auch diese Fragensteller nicht enttäuschen, zumal sich hier genauso die grundlegenden Prinzipien des menschlichen Zusammenseins an jedem Punkt widerspiegeln beziehungsweise praktisch alle Aspekte wiederum auf andere Sachverhalte übertragen werden können.

Zur Situation: In vielen Ländern - ich weiß nicht, ob in allen; deshalb werde ich vornehmlich die Situation in Deutschland besprechen - ist geregelt, daß medizinisches Personal und Menschen mit dem höchsten Risiko zuerst geimpft werden sollen, was vor allem ältere Menschen mit multiplen Erkrankungen an die erste Stelle rückt. Danach kommen abgestuft nach Alter die weiteren Jahrgänge, und gegebenenfalls sind Sondergenehmigungen für bestimmte schwere Krankheiten abseits dieses Reglements möglich, zum Beispiel für Menschen mit Immunschwäche oder Krebs. Dies ist zweifellos eine medizinisch und ethisch vertretbare richtige Entscheidung, die auch viele Menschen mittragen. Und diese ist nicht einmal von Kongzis Pflicht der Jüngeren gegenüber den Älteren geprägt, stimmt aber erstaunlich gut mit ihr überein.

Nebenbei sei noch kurz bemerkt, daß viele Probleme wieder einmal menschengemacht sind, zum Beispiel die Impfstoffknappheit, Fehler in der Verwaltung und Verteilung, mangelhafte Kommunikation, die diversen Skandale, die das Vertrauen erschüttern, der Mangel im Bereich des medizinischen und pflegerischen Personals etc. Auch sei die Frage erlaubt, welchen Aufwand eine Sondergenehmigung braucht, statt daß man denjenigen gleich impfen würde. Da diese Probleme und Mißstände aber weder rückgängig gemacht werden noch zur Antwort der eigentlichen Frage beitragen können, sollen diese hier nicht weiter erörtert werden, solange sie keinen unmittelbaren Einfluß auf die Antwort haben. Es ist eine Tatsache, daß der Impfstoff knapp ist und eine Rationierung beziehungsweise Staffelung notwendig.

Nun kommen aber viele andere Fragen: Wer will einem Fünfzigjährigen die Angst absprechen, sich anzustecken und zu sterben? Wer will einem Zwanzigjährigen die Angst absprechen, sich anzustecken und zu sterben? Wer will einem Busfahrer, der zur systemrelevanten Infrastruktur gehört, die Angst absprechen, sich anzustecken und zu sterben? Wer will einem Lebensmittelhändler, der zur systemrelevanten Infrastruktur gehört, die Angst absprechen, sich anzustecken und zu sterben? Wer will einem Schauspieler die Angst absprechen, arbeitslos zu werden und kein Geld mehr für Essen und Miete zu haben? Wer will Eltern die Angst absprechen, arbeitslos zu werden oder zu sterben und ihre Kinder nicht mehr versorgen zu können? Wer will Kindern die Angst absprechen, sich nicht mehr ausreichend entwickeln, lernen und die Grundlagen für ihr ganzes Lebens legen zu können? Und man muß sogar für die vielfach so bezeichneten »Querdenker« und Impfverweigerer eine Lanze brechen: Wer will einem solchen Menschen seine Gedanken und Ängste absprechen, seien sie nun berechtigt oder vollkommen absurd?

Zur Veranschaulichung sei einmal folgende durchaus realistische Situation gezeichnet: Man stelle sich einmal vor, sämtliches medizinische Personal wird erst in zweiter Stufe geimpft, da zuerst die Hochrisikogruppe der über Achtzigjährigen geimpft wird. In dieser Zeit stirbt aber durch die Infektion das medizinische Personal. Es gibt am Ende also niemanden mehr, der die Impfungen noch vornehmen kann, und es wird entsprechend auch niemand mehr geimpft. Weiter: Man stelle sich vor, das medizinische Personal wird geimpft, aber in dieser Zeit sterben die Lebensmittelhändler. Das medizinische Personal kann zwar noch weiter impfen, hat aber morgen nichts mehr zu essen. Weiter: Man stelle sich vor, die Lebensmittelhändler werden geimpft - und nebenbei stirbt, wie schon oben erwähnt, das medizinische Personal -, aber die Busfahrer sterben, mit denen die Lebensmittelhändler jeden Tag zur Arbeit fahren. Oder wie beim medizinischen Personal umgekehrt: Die Busfahrer werden geimpft, aber die Lebensmittelhändler sterben, so daß die Busfahrer morgen nichts mehr zu essen haben. Die Eltern sterben, so daß Kinder nicht mehr versorgt sind. Lehrer sterben, so daß Kinder nichts mehr lernen. Und selbst die so vielfach gescholtenen »Querdenker« brauchen morgen etwas zu essen oder haben Kinder, die morgen noch versorgt werden und lernen wollen. So ließe sich diese Reihe unendlich fortsetzen, und es wird sicher jeder Beruf und jede andere Personengruppe ihre Rechtfertigung finden, warum sie möglichst bald geimpft werden wollen. Spätestens wenn es an die Substanz geht, daß Arbeitnehmer Lohn brauchen, um Essen, Miete oder Strom bezahlen zu können, hat jeder einen triftigen Grund, seine Forderung vorzubringen. Darin zeigt sich, wie schwierig eine solche Frage zu beantworten ist und wie weise ein Herrscher sein muß, um eine Entscheidung treffen zu können. Vor allem zeigt sich, welche Strahlkraft ein Herrscher haben muß, um auch die später priorisierten Gruppen trotz aller Angst und Verunsicherung zu Solidarität und Geduld anzuhalten. Und welche Kritik - sei sie nun berechtigt oder unberechtigt - er aushalten und im besten Falle auch wirksam begegnen muß. Wie gesagt, die Angst sitzt in jedem, ob nun bewußt oder unbewußt. Und Angst macht leider irrational und vernebelt die höhere Sicht auf die Dinge. In dieser Hinsicht zeigt uns die jetzige Situation mehr denn je auf, worin die grundlegenden Probleme unserer Gesellschaft bestehen: Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Narzißmus, Arroganz, Unvernunft, Gier, Neid, Maßlosigkeit und viele andere.

Hier stehen also ganz klare Fragen, auf die Kongzi durchaus eine Antwort kannte: Wir müssen uns bewußt werden, was wirklich wichtig ist. Ist es die Reise zum nächsten Urlaubsort, ist es teurer Besitz, den ich mir während einer Sperrzeit nicht kaufen kann und der in vielen Fällen ohnehin nur den Charakter noch weiter verderben würde? Oder sind es vielmehr Gesundheit und das Leben an sich, ohne die ich weder in den Urlaub fahren noch mir teuren Besitz kaufen und genießen kann? Nicht umsonst hatte Kongzi das eigene körperliche und geistige Wohlergehen über alle anderen Bedürfnisse gestellt.

Um auch einmal zu zeigen, wie vielschichtig und kompliziert die Entscheidungen sind und daß unsere Welt geradezu Kopf steht, sei im Gesundheitssystem im speziellen noch in die Tiefe geschaut. Die Welt zerfällt im Moment scheinbar in zwei Hälften: Intensivstationen auf der einen Seite und »das Leben draußen« auf der anderen Seite. Und damit müssen auch Ärzte und medizinisches Personal umgehen, was nichts anderes heißt, als daß selbst innerhalb der Ärzteschaft oder des medizinischen und Pflegepersonals noch priorisiert wird, wer zuerst geimpft werden darf. Ein Arzt auf der Intensivstation hat ein viel höheres Risiko, sich mit dem Virus zu infizieren als beispielsweise ein Arzt, der eine Blutspende begleitet. Die Begründung ist einfach: Zur Blutspende sollen möglichst gesunde Menschen kommen, die für die Spende selber auch noch einmal untersucht werden, um ihren Gesundheitszustand als ausreichend robust festzustellen. Damit ist die Ansteckungsgefahr für ihn geringer, und er kann seinen Platz in der Impfreihenfolge für einen Arzt freiräumen, der größeren Gefahren ausgesetzt ist. Mehr noch muß man auch die so selten beachteten Berufe wie die der Reinigung und der Wäscherei in einem Krankenhaus deutlich aufwerten - Personal also, das ständig mit kontaminierten Gegenständen wie Kleidung, Bettwäsche oder auch medizinischen Geräten und Räumen in Berührung kommt. Diese Menschen mit ihren völlig zu unrecht nicht geachteten Berufen tragen ein viel größeres Risiko als selbst der studierte Arzt bei der Blutspende, der vorrangig mit gesunden und kräftigen Menschen in Kontakt kommt, und sollten demnach zu recht in der Reihenfolge vor ihm stehen. - Für die Ausführungen dieses Absatzes danke ich meiner Ärztin, die mir diese Tatsachen aufgezeigt hat, die ich bis zu diesem Zeitpunkt, als der Rest des Essays schon fertig war, so noch gar nicht kannte.

Lassen Sie mich die Frage noch einmal anders formulieren, um auch zu zeigen, daß Kongzi durchaus mit buddhistischem Gedankengut konform geht: Soll der Achtzigjährige zuerst geimpft werden, der morgen ohnehin stirbt? Oder soll der Fünfzehnjährige zuerst geimpft werden, der Drogen nimmt und sich morgen vielleicht den Goldenen Schuß setzt und stirbt? Das soll nicht heißen, daß einer der beiden nicht geimpft werden soll oder man ihn einfach sterben lassen kann. Im Gegenteil, jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und Gesundheit. Die Frage soll vielmehr das Bewußtsein schärfen, was wir eigentlich mit diesem Recht und der daraus ableitbaren Forderung anfangen. Der Buddhismus lehrt, daß wir alle sterben müssen, um dem Menschen Demut und Dankbarkeit zu lehren. Je eher wir also lernen, damit zu leben und dies zu verstehen und zu akzeptieren, desto eher werden wir wirklich leben. Wer in seinem Leben wirklich etwas geleistet hat, auf sich selbst geachtet hat, friedlich und solidarisch mit seinen Mitmenschen umgegangen ist und umgekehrt aufgrund all dieser Verhaltensweisen auch von ihnen geachtet und anerkannt wurde, wird viel weniger Angst vor dem Sterben haben, weil er weiß, daß es nichts zu bereuen gibt. Dies waren genau die Ideale, die Kongzi gepredigt hat, und soweit die Berichte über ihn stimmen, soll auch er ohne Groll und Reue gestorben sein, weil er sie selbst in Demut gelebt hat. Wir aber sind viel zu sehr in vollkommen falschen Idealen verhaftet und dadurch regelrecht gefesselt, als daß wir uns noch der wirklich wichtigen Dinge bewußt werden könnten.

In diesem Zusammenhang ist es beispielsweise auch eine Tatsache, daß Menschen, die Nahtoderfahrungen gemacht haben oder an einer schweren Krankheit wie Krebs im Endstadium leiden, ganz anders über das Leben denken als der Rest der Menschheit. Selbst Kinder entwickeln in solchen Situationen eine charakterliche Stärke, die manchen Erwachsenen vor Ehrfurcht erschauern lassen muß, und Angehörige können genauso wie sie einen tiefen Frieden, Demut und Dankbarkeit wie in kaum einer anderen Situation in ihrem Leben erfahren. Wie die Buddhisten sagen, lernen sie gerade aus diesem Todesbewußtsein heraus, was das Leben wirklich wert ist. Die meisten Menschen scheuen aber die Auseinandersetzung mit dem Tod und lernen aus diesem Grund erst ganz zum Schluß, wenn es auch für sie soweit ist, was sie eigentlich versäumt haben - und bereuen es oft genug, weil es dann zu spät ist. In dieser Hinsicht kann der Tod oder zumindest die bewußte Auseinandersetzung mit ihm eine im Gegenteil wunderbar heilsame Erfahrung sein. Der Tod gehört zum Leben dazu, und je eher wir das begreifen, desto eher werden wir wirklich zu leben lernen.

Selbst die »Kunst des Krieges« hat gelehrt: Wer am Leben hängt, wird sterben; wer mit dem Tod umzugehen lernt, wird leben. Vor allem aber hat sie gelehrt, daß der Krieg zur wichtigsten Aufgabe zur Erhaltung des Staates gehört. Und da wir uns in einem Kampf gegen eine schwere Krankheit befinden - und noch mehr in einem Kampf mit uns selbst -, muß der Gesundheit und dem Gesundheitswesen also größte Bedeutung zukommen. Daß dabei die geistige Gesundheit nicht zu kurz kommen darf, haben auch die Militärtheoretiker betont: Man soll die Kultur pflegen, um den Krieg zu verhindern. Sport und Kultur sind also mindestens genauso wichtig wie die Medizin selbst, um diese Situation körperlich wie geistig gesund zu überstehen.

Auch die Goldene Regel, einer der Grundzüge der Ethik Kongzis, die sich im Kategorischen Imperativ eines Immanuel Kant fortsetzt, läßt sich bemühen, um die Frage zu beantworten: Handle stets so, daß du wollen kannst, selbst so behandelt zu werden. Egal wer zuerst geimpft wird, einer muß schon logistisch der letzte sein. Irgend jemand muß sich also auf jeden Fall gedulden und sollte dabei sicher sein, daß, wenn er selbst in einer vergleichbaren Situation wäre, auch für ihn dasselbe getan würde. Das Wichtigste ist also Solidarität von beiden Seiten - von Menschen, die trotz aller Angst und Verunsicherung warten, bis die höher priorisierten Gruppen geimpft sind, und von Menschen, die das Privileg hatten, bereits geimpft worden zu sein, und warten, bis alle oder zumindest eine ausreichend große Gruppe geimpft sind. Niemand sollte ein wie auch immer geartetes Privileg herausstellen und egoistisch für sich in Anspruch nehmen, sondern sollte sich im Gegenteil viel eher der Verantwortung und Vorbildwirkung bewußt sein, die dieses Privileg mit sich bringt. Und er sollte noch viel mehr dankbar und demütig sein, daß ihm dieses wie auch immer geartete Privileg zuteil wurde. In dieser Hinsicht ist die oft diskutierte Privilegierung Geimpfter mindestens fragwürdig, sowohl moralisch als auch solidarisch. Geduld - von beiden Seiten - gilt nicht umsonst als eine Tugend, während Gier in ihren verschiedensten Ausprägungen als eine Todsünde gilt.

Der Mensch ist schon evolutionsbedingt und damit intuitiv ein soziales Wesen, in dem die gegenseitige Abhängigkeit unbewußt tief verankert ist. Aus diesem Grund unterstützen wir uns gegenseitig, ohne viel darüber nachzudenken, und schaffen somit auch die Grundlagen für jegliches gesellschaftliche Miteinander - was in der jetzigen Situation nichts anderes heißt, als die Impfpriorisierung bis zu einem bestimmten Punkt zu akzeptieren. Damit wirken aber auch solche Faktoren wie Egoismus und Rücksichtslosigkeit als natürliche Feinde des Gemeinsinns vor allem im Unterbewußtsein und können dort geradezu fatale Wirkungen entfalten: Neid und Eifersucht. Wenn der andere etwas darf oder hat, dann will ich das auch dürfen oder haben. Erst recht wenn wir erkennen, daß die eigene Zurückhaltung, Geduld, Solidarität und Selbstlosigkeit keine Wirkung zeigt und wir keine Perspektive in unserem eigenen Verhalten sehen, glauben wir die Kontrolle über unser Leben und unsere Freiheit zu verlieren. Zusammenhalt funktioniert nur, wenn alle einen Nutzen davon haben, während die vielfach nicht nur subjektiv empfundene sondern real gelebte Ungleichverteilung und Ungerechtigkeit zu einer Spaltung der Gesellschaft führt. Und dieser Kontrollverlust, diese Angst, nicht mehr entscheiden zu können, ist für den Menschen einer der größten Streßfaktoren, der wiederum Gier, Neid und Eifersucht auf die wie auch immer »Privilegierten« verstärkt. Aus diesem Grund ist es so wichtig, daß Menschen, die geimpft sind oder in anderer Weise mehr Freiheiten genießen, dies nicht herausstellen oder gar einfordern dürfen, damit diese Spaltung nicht noch vorangetrieben wird: egoistisch eingeforderte Freiheit auf der einen Seite und erzwungener Freiheitsverlust auf der anderen. Um so wichtiger ist das oberste der konfuzianischen Prinzipien, damit diese destruktiven Kräfte auf beiden Seiten sich nicht frei entfalten können: Achtsamkeit.

Im Hinblick auf Lockerungen sei auch noch eine ganz andere Lehre aus der »Kunst des Krieges« bemüht, die uns allen zur Warnung dienen sollte: Die falsche Freude über den Sieg und den Rückzug des Gegners. Wie die Militärtheoretiker lehren, soll man sich nicht zu früh freuen, nur wenn man eine Schlacht gewonnen hat und der Gegner flieht. Es könnte jederzeit eine List dahinterstecken, der Gegner könnte sich neu formieren und zum Gegenschlag ausholen. Die weltweiten Entwicklungen haben klar gezeigt, daß nach anfänglichen Erfolgen viel zuviel Nachlässigkeit an den Tag gelegt wurde und insbesondere kaum Lehren aus dem Geschehen gezogen wurden. Das Virus war für kurze Zeit tatsächlich auf dem Rückzug, schien besiegt, und kaum jemand war mehr wachsam beziehungsweise hat sich gegen einen erneuten Angriff gewappnet. So hatte der Gegner - das Virus - leichtes Spiel und konnte in einer zweiten Welle über die Menschheit herfallen, die die erste sogar noch weit in den Schatten gestellt hat. Welche Staaten wenigstens ansatzweise etwas gelernt und umgesetzt hatten, ist schließlich in der zweiten Angriffswelle offenbar geworden, indem sie wesentlich besser - zum Beispiel auch in Bezug auf das Impfen - durch diese Zeit gekommen sind. Und um zu zeigen, daß es sich dabei keineswegs nur um chinesisches Denken oder abstrakte Philosophie handelt, erinnere man sich nur an die Erzählung vom Trojanischen Pferd in Homers »Odyssee«, das viel mehr Metapher und Warnung als bloße historische Begebenheit ist: Der vermeintliche Sieg der Troer und der vorgetäuschte Rückzug der Griechen verwandelte sich schnell in das genaue Gegenteil - die totale Niederlage und Zerstörung Trojas. Die erste Welle war schlimm genug - die zweite hätte nie sein müssen. Aber wie hatte schon Mahatma Gandhi beklagt? »Die Geschichte lehrt den Menschen, daß die Geschichte den Menschen nichts lehrt.« In diesem Sinne dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn sich noch eine andere Weisheit aus der »Kunst des Krieges« bewahrheitet: »Beim ersten Trommelschlag erwacht der Kampfgeist; beim zweiten Trommelschlag erlahmt der Kampfgeist; und beim dritten Trommelschlag erlischt der Kampfgeist.« - Was in der jetzigen Situation nichts anderes heißt als: Bei der ersten Welle und der ersten Durchhalteparole fand diese noch Akzeptanz und wurde enthusiastisch umgesetzt. Bei der zweiten Welle und der zweiten Durchhalteparole mehrten sich schon die Gegenstimmen und die Kampfesmüden. Bei der dritten Welle und der dritten Durchhalteparole ist alles verloren. Spätestens die zweite Welle hätte nie sein müssen, ganz abgesehen von der Frage, ob der Ausbruch und die weltweite Verbreitung dieser Seuche durch Vorsorge und schnelles und entschlossenes Handeln an sich zu verhindern gewesen wären.

Auch seien noch zwei weitere Fragen gestellt: Was passiert mit Menschen, die beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden dürfen? Sollen diese ihr Leben lang in Quarantäne bleiben? Hierauf gibt viel eher die »Kunst des Krieges« eine Antwort, wenn diese auch von Kongzi mit besprochen wird beziehungsweise sich selbst oft auf Kongzi beruft: Wir müssen lernen, daß wir es mit den Corona-Viren mit Gegnern zu tun haben, die lange Zeit gefährlich bleiben werden. Wie es in der »Kunst des Krieges«, die auch mehrere Seiten Abhandlungen über Medizin enthält, hieß, dürfen wir den Krieg nie vergessen. Und je eher wir lernen, daß wir uns in einem beständigen Kampf mit diesen Viren oder auch jeder anderen Krankheit befinden, desto eher werden wir lernen, damit umzugehen und sie letztlich auch zu besiegen. Jede Krankheit, ob behandelbar oder nicht, ob scheinbar besiegt oder gerade erst im Anrollen, ob harmlos oder beispielsweise durch Virenmutationen immer gefährlicher werdend, bleibt eine Gefahr für die Menschheit im ganzen wie auch für jeden einzelnen. Solange wir uns dessen bewußt sind und beispielsweise durch gesunde Lebensweise einen ausreichend starken Gegenpol bieten, können wir zumindest guten Gewissens sagen, wir hätten alles Menschenmögliche getan, um vernünftig mit einer solchen Situation umzugehen. Dann können sich auch Menschen frei bewegen, die nicht geimpft werden können, weil es dann hoffentlich niemanden gibt, der sie anstecken kann.

Die zweite Frage betrifft Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer nicht impfen lassen wollen. Über die Beweggründe sei hier nicht diskutiert, sondern es sei vielmehr eine Möglichkeit aufgezeigt, diesen Menschen ebenfalls die Hand zu reichen. Vor allem Kongzi hätte im Hinblick auf das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft und nach Abwägung aller Risiken und Nutzen wohl eine Impfpflicht befürwortet. Und auch heute noch sollten sich Menschen überlegen, ob ein Glaube, eine Überzeugung oder auch nur eine krude Idee über dem Wohlergehen der gesamten Gesellschaft stehen beziehungsweise die eigene Verweigerungshaltung rechtfertigen und noch mehr die damit möglicherweise einhergehenden Selbstbeschränkungen - von der gesundheitlichen Gefahr für sich selbst wie auch für die gesamte Gesellschaft ganz zu schweigen. Es wäre ja möglich, daß tatsächlich irgendwann einmal auch über die berühmte »Hintertür« eine Impfpflicht kommt: Wer nicht geimpft ist, darf sich eben nicht mehr frei bewegen, darf nicht mehr in den Urlaub fahren, nicht mehr ins Restaurant, Kino, Theater gehen oder an anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen. Lohnt sich dies? Oder lohnt es sich, über eine Impfung nachzudenken? Heute verfügbare Impfstoffe sind sehr sicher, und selbst unentdeckte Nebenwirkungen werden schnellstmöglich aufgeklärt, erst recht wenn sie zu schweren Schäden bis hin zum Tod führen. Für die, die dadurch Schaden nehmen oder gar sterben, mag dies vielleicht kein Trost sein, aber auch hier sei noch einmal wie in der »Kunst des Krieges« betont: Wir befinden uns in einem Kampf, und dieser fordert Opfer. Dies ist eine einfache Tatsache, die vor allem ohne jede moralische Wertung betrachtet werden muß. Und auch hier gilt: Je eher wir dies begreifen, desto eher werden wir auch lernen, mit der Situation umzugehen. Hier stehen wieder Regierung und Verwaltung in der Pflicht, die Menschen mit größtmöglicher Offenheit und Ehrlichkeit aufzuklären, im schlimmsten Falle sogar ein Medikament wieder vom Markt zu nehmen und nach anderen Möglichkeiten zu suchen. In dieser Hinsicht ist auch wieder die »Kunst des Krieges« sehr ratsam: Man muß bereit sein, eine falsche Entscheidung zu korrigieren, und besonders wenn Schäden entstanden sind, einen anderen Weg einzuschlagen - beobachten und flexibel reagieren, um möglichst jedes Risiko von vornherein zu minimieren oder ganz zu vermeiden, zumindest aber Schäden nicht noch zu vergrößern. Selbiges gilt also auch für die Verweigerer, und hier kommt auch wieder Kongzis Pflichtbewußtsein zum Tragen: Erst wenn wir unter Betrachtung aller Umstände und Abwägung aller Risiken eine vernünftige Entscheidung treffen oder auch korrigieren, können wir uns Freiheiten erarbeiten - erkämpfen -, die jede einengende Regel überflüssig machen. Verfangen wir uns jedoch in Egoismus, Narzißmus, Arroganz und vielen anderen Verhaltensweisen, die jede vernünftige Herangehensweise zur Absurdität machen, müssen wir eben mit den persönlichen wie auch gesamtgesellschaftlichen Folgen leben. Wir haben die Wahl, vernünftig und unter Betrachtung aller Risiken die richtige Entscheidung zu treffen. Wenn wir eine andere treffen, dürfen wir uns über die Folgen nicht beschweren, die wir selbst zu verantworten haben. Das meint Narzißmus: Unfähigkeit, sich einer Kritik zu stellen und im Zweifelsfalle auch von der eigenen Position abzurücken und eine andere Entscheidung zu treffen.

In dieser Hinsicht sei auch noch einmal die Lektüre des Kapitels »Die Fünf Strafen« im »Buch von den Pflichten des Kindes« wie auch des hier veröffentlichten Essays »Verbrechen, Strafe, Todesstrafe und Sippenhaft« angeraten: Wir haben die Wahl, das Richtige oder das Falsche zu tun. Entscheiden wir uns für das Falsche, müssen wir mit Strafe bis hin zur Todesstrafe rechnen, das heißt also das Risiko eingehen, uns mit einer tödlichen Krankheit anzustecken und vielleicht daran zu sterben. Und ganz den Ausführungen zur Sippenhaft folgend, müssen wir auch damit rechnen, anderen Menschen zu schaden, wenn wir nur auf uns selbst nicht achten.

Denkt man diese Aspekte konsequent weiter, ergeben sich noch viel fragwürdigere Punkte, die zwar nicht mehr unmittelbar die Frage nach der Rangfolge beim Impfen betreffen, die Situation aber unleugbar bedingen beziehungsweise mit ihr in Verbindung stehen, was sich letztlich in einem höheren Druck bei der Krankheitsbekämpfung und dem Impfen und damit einer Verschärfung der Gesamtsituation niederschlägt. Als konkretes Beispiel sei hier das Rauchen angesprochen, eine Selbstschädigung und damit Regelverstoß, der bis hin zur Strafe einschließlich Todesstrafe und Sippenhaft durch Passivrauchen und Umweltschäden durch verschmutzte Luft reicht. Wir verpesten die Luft, die wir selber atmen. Wir verpesten das einzige - saubere Luft, die auch den Rest des Körpers deutlich gesünder dastehen ließe -, was vielleicht die schweren Krankheitsverläufe aufhalten kann. Es ist eine Tatsache, daß sich die schweren Infektionsverläufe dort häufen, wo die Luft am stärksten verschmutzt ist. Aber insbesondere Zigaretten als nachweislich schädliche, krebserregende, tödliche und vor allem die Gemeinschaft schädigende Genußmittel bleiben aus reiner Profitgier und zum bloßen Vergnügen - sich selbst und andere einschließlich der Umwelt schädigen - frei verkäuflich. Worin besteht da die Logik? Wir haben es mit einer schweren, durchaus tödlichen Lungenkrankheit zu tun, tun aber alles, um den Verlauf der individuellen Infektion wie auch die gesamtepidemischen Auswirkungen zu verschlimmern. Deshalb sei auch hier noch einmal dieselbe Frage wie beim Thema »Umweltschutz« gestellt: Wie sehr muß sich der Mensch eigentlich selbst hassen? Wie kann der Mensch so anmaßend sein, sich selbst als »Homo sapiens sapiens« - »vernunftbegabter, sehr vernünftiger Mensch« - zu bezeichnen, während er sich und anderen durch bloße Dummheit und zum reinen Vergnügen selbst schadet und am Ende noch jammert, daß die Krankheit immer schlimmer und unbeherrschbar wird? Oder anders ausgedrückt: Wie wäre alles gekommen, wenn wir alle gesunde und kräftige Lungen hätten? Und wie dringend nötig wäre in diesem Fall die Impfung beziehungsweise wie prekär die Impfsituation? In diesem Sinne sei also noch einmal eine Lektüre der Essays zu den Themen »Verbrechen, Strafe, Todesstrafe und Sippenhaft« und »Umweltschutz« angeraten, die auf den ersten Blick gar nichts mit der Krankheitsbekämpfung zu tun haben und doch in unmittelbarem Zusammenhang damit stehen, weil sie genau dieselben grundlegenden Probleme benennen und genau dieselben grundlegenden Fragen stellen: Was sollte uns wichtiger sein, wie wollen wir mit einem begrenzten Gut umgehen, und welche Folgen drohen uns, wenn wir uns genau diese Fragen nicht stellen?

Auch der im Zusammenhang mit der Impfreihenfolge und der Behandlung Erkrankter viel gescholtene Begriff der Triage (»Auswahl, Sortierung, Sichtung«, das heißt ethische Priorisierung medizinischer Hilfeleistung bei unzureichenden Ressourcen beziehungsweise massenhaftem Bedarf beispielsweise bei unerwartet hohen Patientenzahlen) bedeutet demnach nicht, wen lasse ich sterben, sondern wen behandle ich zuerst; wer hat also eine Behandlung nötiger. Diese findet in der Notaufnahme oder auf der Intensivstation tagtäglich statt, denn es bedeutet erst einmal nichts anderes als eine Entscheidung, und wie bereits in der »Kunst des Krieges« ausgeführt, trifft der Mensch Entscheidungen im Sekundentakt, die auch in der jetzigen Situation Grundlage jeden Handelns sind. Und so unbewußt, wie das oft genug geschieht, finden diese mal in ganz unscheinbarer Form statt, manchmal aber auch gerade im Gesundheitswesen, wenn es im wahrsten Sinne des Wortes auf Leben und Tod geht, in großem, gesamtgesellschaftlichem Umfang und damit durchaus Personen betreffend, die vielleicht nicht einmal unmittelbar an der Krankheit leiden. Ein Arzt muß entscheiden, wen er im Notfall vorrangig behandelt, und dabei muß auch jemand, dessen Beschwerden weniger schwer oder gar bedrohlich sind, zurückstecken können. Dies ist eine der wichtigsten Ausprägungen der Solidarität - sich selbst zurücknehmen zu können und Einsicht zu zeigen, was wichtiger ist, vor allem wichtiger als die eigenen Bedürfnisse. Es geht nicht darum, verschiedene Positionen, Menschen oder gar Berufe gegeneinander auszuspielen, sondern möglichst rational zu entscheiden, wer das höchste Risiko hat und deshalb vorrangig behandelt werden muß. Triage hätte damit die Bedeutung, zu entscheiden, was wichtiger ist, vielleicht sogar: die richtige Entscheidung zu fällen. Und Solidarität - quasi Triage gegen sich selbst - hieße in diesem Falle, sich selbst in die zweite Reihe zu stellen. Umgekehrt heißt Solidarität aber auch, sich der eigenen Privilegien bewußt zu sein und vor allem dankbar und demütig, daß man vorrangig behandelt wurde. Dankbarkeit und Solidarität hieße dann, genauso auf alle anderen zu warten, bis diese behandelt sind. Auch der Privilegierte soll entscheiden, was wirklich wichtig ist. Wir sind alle in einer schwierigen Situation, die die wenigsten von uns so jemals erlebt haben oder jemals wieder erleben wollen. Gerade deshalb sind Zusammenhalt, Rücksicht und Solidarität drei der wichtigsten Säulen, diese Situation mit möglichst geringen Schäden zu überstehen.

Im extremsten Falle könnte man die Situation sogar noch weiter strapazieren: Angenommen, ein einziger Mensch sagt sich, er möchte als letzter geimpft werden - man erinnere sich an die bereits oben angeführte Tatsache, daß einer zwingend der letzte sein muß -, um allen anderen Milliarden Menschen den Vorrang zu lassen. Dann hieße Solidarität und Dankbarkeit von der anderen Seite nichts anderes, als genau so lange zu warten und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, bis dieser letzte Mensch auch tatsächlich geimpft ist. Diese Forderung mag auf den ersten Blick zweifellos hoch und geradezu unrealisierbar sein und ist doch gleichzeitig die geringste, die man überhaupt stellen kann: das bedingungslose Miteinander.

Damit ist Triage keine politische oder medizinische Entscheidung mehr, sondern wir müssen sie in jeder Sekunde unseres Lebens gegenüber uns selbst vornehmen, indem wir entscheiden, was wichtiger ist. In der jetzigen konkreten Situation heißt das, sich bewußt zu machen, ob die eigenen, oft genug regelrecht kleinlichen Bedürfnisse Vorrang haben sollen, oder ob es darum geht, diese Seuche als Ganzes zu besiegen und damit auch als ganze Gesellschaft einschließlich der eigenen Person (wieder) Freiheit zu erlangen. Im buddhistischen Sinne hieße das, sich bewußt zu machen, wofür es sich wirklich zu leben lohnt.

Verallgemeinert man diese Frage, zeigen sich also, wie Kongzi immer wieder betont, viel tiefergehende Probleme unserer Gesellschaft, denn der Kampf um ein knappes Gut findet jeden Tag und überall auf der Welt statt: Seien es wie im konkreten Fall Impfstoffe und Medikamente, geht es um Rohstoffe und Energie, Lebensmittel und Lebensraum oder auch solche profanen Mittel wie Geld und weltlicher Besitz - an jeder Stelle zeigt sich, wie wichtig es im Hinblick auf das Ganze ist, sich zuerst selbst zu fragen, was wichtig ist, um wirklich Freiheit zu erlangen, beginnend bei der eigenen Person und über wenige Etappen bis hin zur gesamten Gesellschaft. Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Gier, Maßlosigkeit und etliche andere negative Charakterzüge sind damit die größten Gegner, die verhindern, daß wir wirklich den Kampf gegen diese Seuche gewinnen oder noch ganz andere gesellschaftliche Probleme lösen können. Das Problem besteht nicht in knappen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, sondern im falschen Umgang damit, mit der Situation im ganzen und vor allem mit uns selbst. In diesem Sinne haben wir nicht einmal zwangsläufig medizinische Probleme, sondern viel größere und tiefergehende, die sich in der konkreten Situation nur im medizinischen Bereich niederschlagen.

Zum Schluß sei noch eine Prognose gewagt, wen Kongzi tatsächlich zuerst hätte impfen lassen: Seiner Ethik folgend, wäre es zweifellos der Herrscher gewesen, auch wenn diese Antwort jetzt wahrscheinlich viele Leser aufstöhnen lassen wird. Tatsächlich hätte Kongzi aber gute Gründe gehabt, dies zu befürworten, sieht man einmal von medizinischem Personal ab, das wohl eine gleich hohe Priorität gehabt hätte, wie bereits weiter oben anschaulich ausgeführt. Die wichtigste Funktion des Herrschers ist die Vorbildwirkung. Ist der Herrscher geimpft, werden ihm die Menschen folgen - im übrigen auch eine Lehre aus der »Kunst des Krieges« - und sich ebenfalls impfen lassen. Gleichzeitig ist der Herrscher das höchste Organ der menschlichen Gesellschaft und erfüllt als solcher entsprechende Funktionen zur Aufrechterhaltung des Staatswesens; er delegiert Zuständigkeiten an seine Minister - auch die mahnende Funktion seiner Berater hat er an diese delegiert; er steht also nicht allein in der Verantwortung - und kann so auch Bereiche des Staatswesens, von denen er selbst zuwenig Verständnis hat, abdecken. Ein Herrscher kann beispielsweise keine Ahnung von Medizin haben, hat dafür aber sein Gesundheitsministerium und andere Gesundheitsbehörden, an die er bestimmte Aufgaben delegiert.

Nun jedoch kommt das große Aber: Unabdingbare Voraussetzung für eine solche Entscheidung ist eine intakte Gesellschaft, in der die Menschen bedingungslos zu ihrem Herrscher aufschauen und diesem Vorbild in Wohl und Wehe folgen, ohne daß der Herrscher sein eigenes Privileg in egoistischer Weise herausstellen darf. Denn die »Kunst des Krieges« würde schon zu einer genau gegenteiligen Antwort kommen und doch letztlich dasselbe sagen: Hier hieß es stets, der Kommandant esse erst, wenn die Soldaten gegessen haben, und ähnliche Aussagen. Der Herrscher müßte also der letzte sein, der geimpft wird, um sich mit allen Menschen und ihren Ängsten zu solidarisieren. Aber gerade aus diesem Vertrauen heraus wäre es gerechtfertigt, daß er doch zuerst oder zumindest zur selben Zeit wie alle anderen eine Impfung bekommt. Das Vertrauen könnte so groß werden, daß sogar die Menschen im Volk - oder die Soldaten im Krieg, denn der Kampf gegen eine Krankheit ist nichts anderes - befürworten würden, daß der Herrscher zuerst geimpft wird, um genau seine wichtigsten Funktionen erfüllen zu können.

Damit sind solche Faktoren wie gegenseitiges Vertrauen, Achtung, Respekt, Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit grundlegende Aspekte einer sinnvollen Antwort auf die obige Frage - und gleichzeitig Antworten, die Kongzi durchaus geben konnte. Ja, selbst die Militärtheoretiker, die auf den ersten Blick gar nichts mit dieser Frage anfangen können, hätten eine Antwort gekannt. In dieser Hinsicht mag sich jeder einmal selbst überlegen, wie weit wir von einer intakten, vertrauensvollen und ehrlichen Gesellschaft entfernt sind und was die eigentlichen und viel größeren Probleme der jetzigen Situation sind, die eine Lösung und einen Sieg über diese Krankheit und noch viel schlimmere Mißstände, die wir vermeintlich gar nicht offen sehen oder gar angehen, verhindern. Es kann also mit Fug und Recht behauptet werden, Kongzi kannte bereits die Antwort auf die wohl brennendste Frage der aktuellen Situation, auch wenn ihm die Immunisierung mittels Impfung noch gar nicht bekannt war. Was er getan hat, war, die Fragen nach den grundlegenden und viel tiefergehenden Problemen zu stellen und Antworten darauf zu finden, aus denen sich die Lösung jeder anderen Frage ableiten läßt.


»Mutter Natur« und Umweltschutz

Frage:

Im »Buch von den Pflichten des Kindes« und selbst in der »Kunst des Krieges« wird mehrfach das Thema Umweltschutz angesprochen, ohne dieses allerdings so umfassend auszuführen wie beispielsweise das Thema Strafe. Wäre es nicht aber viel wichtiger, sich um den Umweltschutz zu kümmern, als sich zu überlegen, wie lange ein Verbrecher ins Gefängnis muß?

Antwort:

Zwar spricht Kongzi das Thema Umweltschutz an, aber, und das ist vollkommen richtig, nicht in besonderem Maße. Das hat er auch gar nicht nötig. Aus der im »Buch von den Pflichten des Kindes« immer wieder aufgezeigten Kausalkette ergibt sich Umweltschutz nämlich ganz von allein. Wenn der Mensch die notwendige Achtung für sich selbst, für die gesamte Gesellschaft und sein Umfeld aufbringt, wird sich der Umweltschutz - also Achtung für das eigene natürliche Umfeld - ganz von selbst ergeben. Dies meinten die beiden daoistischen Prinzipien des wuwei - Achtung überträgt sich von selbst auf Umwelt, und es braucht gar keinen gesonderten Umweltschutz - und des ziran - die Verpflichtung gegenüber der Umwelt wird zu einem vollkommen natürlichen Bestandteil des menschlichen Lebens und muß gar nicht gesondert betrachtet werden.

Lernen wir, auf das zu achten, was wir haben, und nur das zu produzieren und anzuschaffen, was wir wirklich brauchen, werden ganz von allein auch weniger Waren produziert und für deren Produktion auch weniger Ressourcen und Energie aufgewendet und letztlich verschwendet. Leben wir hingegen in einer Wegwerfgesellschaft, in der jeder Artikel nach der ersten Nutzung gleich wieder entsorgt wird, Güter auf Verschleiß produziert und nicht repariert werden oder immer das Neueste, Beste, Schnellste, Schönste und Modischste gekauft werden muß, brauchen wir uns auch nicht wundern, wenn die Natur nicht mehr liefern kann und sich letztlich auch den natürlichen Gesetzen folgend gegen den Menschen wendet. Dies war eines der wichtigsten Anliegen Kongzis: sich der Regeln - in diesem Falle der Regeln der Umwelt, resultierend aus der eigenen Selbstachtung - bewußt werden und sich auch an diese Regeln halten, um wirklich Freiheit zu erlangen. Brechen wir diese Regeln, wird sich die Natur über kurz oder lang rächen, der Mensch wird mit wesentlich schlechteren Zuständen - auch was Ressourcen und Energie anbelangt, aber noch viel mehr schädlichen Einflüssen wie Giften und Krankheiten - leben müssen oder vielleicht gleich ganz aussterben, weil ihm der Lebensraum fehlt oder unbewohnbar geworden ist. Welche Freiheit haben wir dann? Gar keine mehr! Gesunde Menschen gibt es nur in einer gesunden Umwelt; lebendige Menschen gibt es nur in einer lebendigen Umwelt. Fehlt diese Grundlage, brauchen wir uns über alles auch keine Gedanken mehr machen.

In den archaischen Kulturen war das Bewußtsein für die Verankerung des Menschen in der Natur und die Untrennbarkeit mit dem ihn umgebenden Lebensraum noch deutlich stärker ausgeprägt und wurde in vielen Ritualen rund um den Jahreskreis gepflegt. Dieses Bewußtsein ist uns im Laufe gerade der wenigen letzten Jahrhunderte praktisch komplett abhanden gekommen, auch wenn es heute noch archaische Gesellschaften gibt, die nach genau diesen Prinzipien leben: der Natur nicht mehr nehmen, als man ihr zurückgeben kann; der Natur nicht mehr nehmen, als sie regenerieren kann; der Natur nicht mehr nehmen, als sie freiwillig - und kostenlos - zu geben bereit ist. Und ihr vor allem Achtung und Dankbarkeit entgegenzubringen. Nicht umsonst hat sich im Laufe der Zeit der Begriff des »Raubbaus« eingebürgert, für den wir jetzt die Strafe bekommen. In diesem Sinne ist die obige Fragestellung nicht einmal so weit weg vom Thema »Strafe«, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Gegenteil - wird die Natur zerstört, werden selbst die Menschen, die sie achten und schützen, mit in Geiselhaft genommen, indem sie genauso unter verschmutzter Luft oder saurem Regen, mangelnden Lebensmitteln, Giften und Krankheiten zu leiden haben. Viele Aspekte des Strafsystems lassen sich so ohne weiteres auf Umweltschutz übertragen. Oder vielmehr, um den Zusammenhang zu den grundlegenden Aspekten der konfuzianischen Ethik, die ja auch Grundlage des Themas »Strafe« sind, noch deutlicher zu machen: Umweltbewußtsein.

Geht man noch weiter in die Tiefe, entdeckt man sogar sämtliche Aspekte des Strafsystems bis hin zur Unnötigkeit der Strafe: Wenn wir uns an die Regeln halten und keine Verbrechen gegen die Umwelt begehen, hat die Natur auch keinen Grund, uns zu strafen. Eine Strafe, die im Zweifelsfalle ganz im konfuzianischen Sinne auch in der Todesstrafe einschließlich Sippenhaft bestehen kann - selbst jeder Umweltschützer wird mit sterben, wenn sich die Natur endgültig gegen die Menschen wendet -, als wäre Strafe bis hin zur Todesstrafe ein unerschütterliches Naturgesetz. Folgen wir ihren Regeln, haben wir praktisch unbegrenzte Freiheiten und werden mit einem gesunden Lebensraum, gesundem Wasser, gesunder Luft, Ressourcen und Energie belohnt, die wir noch dazu kostenlos bekommen können. Strafrechtlich betrachtet befinden wir uns im Moment hingegen wohl am ehesten in einer Phase nach dem Urteil. Die Strafe kommt bereits voll zum Tragen, aber noch haben wir die Möglichkeit, die Strafe - auch die Todesstrafe - abzumildern oder ganz abzuwenden, indem wir Wiedergutmachung leisten. Wie kann man also nicht annehmen, das Strafsystem habe nichts mit Umweltschutz zu tun. Es geht bei beiden um dieselben grundlegenden Aspekte, die Kongzi herausgearbeitet hat: Achtsamkeit, Bewußtsein, Beobachtung, Lernen und die Suche nach den Ursachen und deren Beseitigung.

Die Natur hat zudem oft genug gezeigt, daß sie in der Lage ist, sich binnen kürzester Zeit - wenige Jahrzehnte, bestenfalls Jahrhunderte; aber was ist das schon in Maßstäben von Jahrmillionen oder -milliarden? - vom Menschen zu erholen. Spätestens wenn der Mensch seine Umwelt zerstört, schaufelt er sich sein eigenes Grab, und die Erde wird sich, sobald sich der Mensch selbst vernichtet hat, wieder regenerieren. Umweltschutz bedeutet und erfordert also zuallererst Selbstachtung, Selbstschutz und Selbsterhalt. Genau wie Kongzi gesagt hat, wird der Mensch ganz von allein auf die Umwelt achten, wenn er erst einmal gelernt hat, auf sich selbst zu achten. In diesem Sinne darf sich die Frage stellen, wie sehr sich der Mensch eigentlich selbst hassen muß, wenn er aus dieser Selbstverachtung und Rücksichtslosigkeit heraus seine eigene Lebensgrundlage zerstört. Manche Menschen sagen, wir hätten die Erde nur geliehen bekommen, manche Menschen sagen, sie wäre beispielsweise ein Geschenk Gottes. Aber egal ob wir sie geliehen oder geschenkt bekommen haben, die Frage stellt sich doch in jedem Fall: Wie sehr muß sich der Mensch hassen, ein Geschenk - die Erde mit all ihren Gütern wie sauberer Luft, sauberem Wasser, Energie und Ressourcen - mit Füßen zu treten und den Schenker - die Natur - noch ins Gesicht zu schlagen? Und auch wenn diese Aussage auf den ersten Blick gefährlich klingt: Die Natur hat auf lange Sicht kein Problem. Notfalls wird sie ihren eigenen Gesetzen gehorchen und sich des Menschen entledigen, als wäre sie ein organischer Körper, der mit einem Fieber nur die Krankheitserreger verbrennt und ausschwitzt. Sobald diese Reinigung - Fieber heißt tatsächlich nichts anderes als »Reinigung« - vollzogen ist, kann und wird sich die Natur als Ganzes wieder erholen. Dann allerdings ohne den Menschen. Die Natur ist in der Lage, ohne den Menschen auszukommen, aber der Mensch ist nicht in der Lage, ohne die Natur auszukommen. In diesem Sinne müssen wir froh sein, daß die Natur so geduldig ist, wie sie es bisher war, und uns überhaupt die Chance und die Zeit läßt, unsere Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Vielleicht sollten wir uns sogar einmal bewußt machen, daß es »Mutter Natur« heißt, eine Mutter bekanntlich die Sanftere und Nachsichtigere in der Erziehung der Kinder ist. Wie sähe es aus, wenn es der strenge »Vater Staat« wäre, der über die Einhaltung der Regeln zum Umweltschutz wacht und diese notfalls auch mit sofortiger Strafe durchsetzt? - Was aber tun wir? Wir beißen die Hand, die uns füttert, zum Dank, daß wir überhaupt leben dürfen. Wie lange wird diese Hand sich eine solche undankbare Mißhandlung noch gefallen lassen? Es liegt also an uns, uns den Gesetzen der Natur zu fügen und erst dadurch die Freiheit zu erlangen weiterzuleben, oder uns gegen diese Regeln zu stellen und über kurz oder lang die Strafe dafür zu erfahren. Und schon wieder deckt sich die obige Fragestellung praktisch komplett mit dem Thema »Strafe«. Wie Kongzi schon so richtig sagte: Wir haben die Wahl, das Richtige oder das Falsche zu tun.

Selbst aus den Regeln der »Kunst des Krieges« läßt sich Umweltschutz ableiten: Da der Mensch die Natur beherrschen will, muß er umsichtig und wohlwollend sein, damit sie sich nicht gegen ihn auflehnt. Tyrannisiert er sie, wird sie irgendwann einmal aufbegehren und sich des Tyrannen entledigen. Tritt er gar in einen offenen Kampf gegen die Natur, wird er in jedem Falle den Kürzeren ziehen und seine eigene Lebensgrundlage zerstören und damit letztlich sich selbst vernichten. Man erinnere sich an das deutsche Sprichwort vom Ast, auf dem man sitzt und den man tunlichst nicht absägen soll. - So zeigt sich wieder einmal, wie umfassend und tiefgründig die Metaphern selbst des Krieges sind und daß die Chinesen mit ihrem ganzheitlichen Denken Möglichkeiten haben, mit wenigen kleinen Regeln jeden Aspekt des Lebens und der Welt zu erfassen.

Begreift man umgekehrt die Menschen als Kinder der Natur - man beachte auch hier den gern gezogenen Vergleich mit einem Kind, das tyrannisch gegenüber seinen Eltern ist -, ergeben sich genau dieselben Konsequenzen: Achtung und Respekt gegenüber dem eigenen Schöpfer - man beachte auch hier die Parallelen beispielsweise zu den abrahaminischen Religionen, die für Ungehorsam, Auflehnung und Mißachtung Gottes Strafe in Form von Sintfluten oder ähnlichen Katastrophen predigen - und die notwendige Unterwerfung unter seine Gesetze. Bis hin zur Freiheit, wenn man die Regeln befolgt, oder der Strafe, wenn man die Regeln nicht befolgt oder offen bricht, finden sich diese Prinzipien im »Buch von den Pflichten des Kindes« wie auch in der »Kunst des Krieges«. Egal wie herum man es dreht, wir kommen aus diesem uns vorgegebenen natürlichen Regelrahmen nicht heraus, und je eher wir lernen, dies zu akzeptieren, desto eher werden wir lernen, mit diesen Regeln zu leben, sie zu unseren Gunsten und einem wirklichen Nutzen für alle einzusetzen und auch langfristig zu überleben. Der Mensch kann der Natur gar keinen Schaden zufügen, ohne sich selbst zu schaden. Und nur weil wir den Schaden nicht unmittelbar erkennen oder verstehen, heißt es nicht, daß er nicht da ist. In diesem Sinne bewahrheitet sich ein weiteres Mal Mahatma Gandhis Weisheit: »Du und ich, wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich selbst zu verletzen.«

Die Lehre Kongzis oder auch der Militärtheoretiker ist damit eine einfache: Lernen wir, maßvoll, solidarisch, bewußt und in einer intakten Gesellschaft zu leben, werden wir nicht nur diese Gesellschaft erhalten, sondern auch die Natur als Lebensgrundlage an sich. Umweltschutz ist also keine Aufgabe irgendwelcher Aktivisten, die nur demonstrieren und mit zum Teil regelrecht fragwürdigen Aktionen nur Widerstand gegen sich selbst erregen, oder Verpflichtung unfähiger Regierungen, die nichts anderes können, als Gesetze zu beschließen und zu verwalten, sondern Pflicht jedes einzelnen. Und im übrigen auch von jedem ganz einfach umzusetzen, denn es bedarf erst einmal keiner anderen Fähigkeit als der Bewußtwerdung des eigenen Selbst, des eigenen Körpers und der eigenen Bedürfnisse, was aber scheinbar schwer genug ist, sonst würden es ja alle Menschen tun. Kongzi braucht sich gar nicht gesondert über Umweltschutz auslassen, weil dieser ganz von allein praktiziert wird, wenn wir lernen, die wirklichen Probleme, die wir haben, zu erkennen und zu lösen: Gier, Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Narzißmus, Arroganz, Maßlosigkeit und viele andere, die man wie so oft nur unter einem Begriff zusammenfassen kann: Dummheit. In diesem Sinne ist die Frage nach dem Umweltschutz auch falsch gestellt und müßte besser lauten: Wer schützt uns vor uns selbst? Achten wir (auf) uns selbst, werden wir die Natur ganz von allein nicht mehr in einer Weise angreifen, daß sie ausgebeutet wird und eines gesonderten Schutzes bedarf.


Krieg und »Mein Kampf«

Frage:

Sie haben im »Buch von den Pflichten des Kindes« die provokative These aufgestellt, man könne ein menschenverachtendes Buch wie Hitlers »Mein Kampf« gefahrlos lesen. Ist diese Sicht nicht gefährlich und geradezu Wasser auf die Mühlen rechtsradikaler Kreise?

Antwort:

Zuerst einmal vielen Dank für diese und ähnliche Fragen, die ich auch mehrfach mit Leserinnen und Lesern diskutieren durfte.

Zur Ableitung nach Kongzi stehe ich nach wie vor. Auch ein Buch wie »Mein Kampf« ist lesbar, und man kann aus ihm lernen. Selbst ich habe dieses Buch gelesen und weiß, wovon ich rede. Aus diesem Grund habe ich auch betont, wie wichtig es ist, daß man seinen Charakter festigt, bevor man sich mit einer solch gefährlichen Lektüre beschäftigt, und aus genau demselben Grund steht es erst ganz am Ende der »Regeln für Schüler und Kinder«. Nur unsichere Naturen, labile, vernachlässigte oder anderweitig negativ beeinflußte Menschen werden sich von diesem Buch zu falschen Schritten verleiten lassen.

Wer sich hingegen ernsthaft mit der Geschichte der Menschheit und damit den Ursachen für Kriege auseinandersetzen will, kann aus diesem Buch viel lernen. Ganz wie Kongzi es gesagt hat, kann auch ein negatives Beispiel als Mahnung, Warnung oder Abschreckung dienen. Nun, ich denke, mit »Mein Kampf« haben wir ein abschreckendes Beispiel gerade auch für die Wirkung der Gedanken, die ja letztlich nur verschriftlicht sind. Es ist nicht das Buch, das gefährlich ist, sondern die darin festgehaltenen Gedanken und die labile Persönlichkeit, auf die diese treffen. Viele Menschen, mit denen ich sprechen konnte, hatten dieses Buch ebenfalls gelesen, und keiner davon war rechtsradikal oder antisemitisch eingestellt. Im Gegenteil war sich jeder gerade durch die Lektüre dieses Werkes bewußt geworden, wie erschreckend anfällig die menschliche Gesellschaft heute noch für solches Gedankengut ist. Denn das muß auch ich zugeben: Es war nicht leicht, sich von der suggestiven Kraft dieser Gedanken nicht in die falsche Richtung drängen zu lassen.

Nun zur anderen Seite: Viele Menschen, die für Frieden und gegen Rassendiskriminierung und Antisemitismus eintreten, haben dieses Buch niemals gelesen, wissen also gar nicht, welche Gedanken ein Millionenvolk damals verführt haben - welche gesellschaftlichen Zusammenhänge den Aufstieg Hitlers überhaupt erst einmal möglich gemacht haben - und selbst heute noch Millionen Menschen weltweit beeinflussen. Böse ausgedrückt, könnte man sagen: Sie wissen gar nicht, wovon sie reden. Sicher, sie lernen im Geschichtsunterricht brav Jahreszahlen und die Namen der Politiker oder auch der Widerstandsgruppen auswendig, können auf Karten Feldzüge und Fronten darstellen und kennen die zahlreichen Schlagworte wie die Appeasement-Politik, das Münchner Abkommen oder den Angriff auf den Sender Gleiwitz, entwickeln aber niemals ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge. Im Gegenteil haben Studien sogar gezeigt, daß die Hälfte der Schüler nicht einmal wissen, was der Holocaust war, was die Pogrome bedeuteten oder daß gerade der Haß auf Juden eine jahrtausendealte Geschichte hat und in etlichen Ländern weltweit tief verwurzelt ist. Diese Unkenntnis geschichtlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge empfinde ich als wesentlich erschreckender als alles, was selbst in »Mein Kampf« niedergeschrieben ist. Als ob der Mensch, wie Mahatma Gandhi einmal beklagt hatte, aus der Geschichte nicht das Geringste gelernt hätte. »Mein Kampf« war letztlich nichts als das Kondensat bereits existierender Gedanken. Hätte Hitler nicht die Gesellschaft vorgefunden, die für seine Gedanken empfänglich ist, wäre die Saat niemals aufgegangen, die er gestreut hat. Er allein hätte gar nichts erreichen können, wenn nicht viel zu viele Menschen willfährig mitgemacht und sich viel zu wenige dagegengestellt hätten. Und befinden wir uns heute wirklich in einer anderen Situation?

Um so wichtiger ist die Arbeit beispielsweise des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge oder die Aufrechterhaltung der Erinnerung an die Geschehnisse in den Konzentrationslagern, wie es beispielsweise im Rahmen von Besuchen im Schulunterricht oder bei Jugendweiheveranstaltungen angeboten wird - zu einer Zeit also, da junge Menschen sich sinnvoll mit diesen Ereignissen auseinandersetzen und für ihr ganzes Leben lernen können. Und ja, auch eine kritische Lektüre von »Mein Kampf« ist unter diesen Gesichtspunkten sinnvoll und wichtig, um die menschenverachtenden Gedanken hinter diesen Schrecken zu verstehen. Selbst in Deutschland wurde ja diskutiert, ob eine kommentierte Ausgabe für den Schulunterricht Verwendung finden kann und darf. Statt dessen kann sie sich jeder unreflektiert aus dem Internet herunterladen oder bei einem ausländischen Versand bestellen, so daß sich diese Gedanken unkontrolliert verbreiten können.

Bemerkenswert ist dabei, wie dies auch in der »Kunst des Krieges« immer wieder angesprochen wird: Es ist wichtig, den Krieg nicht zu vergessen und die Erinnerung daran als Mahnung immer wachzuhalten. Was aber tun wir? Kaum jemand setzt sich intensiv und vor allem zum tieferen Verständnis damit auseinander. Der Mensch ist ein bequemes Wesen und versucht alles, was diese Gemütlichkeit stört, zu vermeiden. Dabei legt er mitunter einen erstaunlichen Eifer an den Tag, bei dem man sich fragen muß: Wie könnte die Welt aussehen, wenn jeder Mensch diesen Eifer für ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge aufbringen würde? Wie könnte die Welt aussehen, wenn jeder Mensch diesen Eifer für die Bewahrung des Friedens aufbringen würde?

Die Frage ist also: Was ist schlimmer? Was ist Geschichtsrevisionismus? Den Holocaust und die dahinterstehenden Gedanken leugnen, wie es die Rechten und Antisemiten tun, oder sich überhaupt nicht kritisch und zum tieferen Verständnis damit auseinandersetzen, wie es das Gros der Menschheit tut? Ich meine, jeder, der dieses Thema überhaupt nicht an sich heranläßt und sich nicht damit auseinandersetzt, macht sich durch seine Untätigkeit mindestens genauso schuldig wie alle, die heute noch mit rechten Parolen auf den Lippen durch die Straßen laufen. Die Forderung Kongzis lautete schließlich nicht, sich einem Mob grölender Nazis entgegenzustellen, sondern durch Lesen und Lernen, durch Interaktion und gesellschaftliches Miteinander seinen eigenen Charakter zu formen und auf diese Weise auch positiv auf andere Menschen einzuwirken. Daß dies schwer und oft genug scheinbar unmöglich ist, hat selbst Kongzi schon beklagt. Gleichzeitig hat er aber auch betont, wie wichtig Hilfe für gerade solche unbelehrbaren Menschen ist. In diesem Sinne kann es nur richtig sein, sich intensiv mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, um wenigstens für sich selbst sagen zu können, man habe das in seinen Kräften stehende Mögliche getan.


Verbrechen, Strafe, Todesstrafe und die Sippenhaft

Frage:

China hält bis heute an der Todesstrafe fest, obwohl viele andere Staaten diese abgeschafft haben und China auch immer wieder bei ihrer Vollstreckung kritisieren. Auch Kongzi befürwortet offenbar die Todesstrafe und selbst die Sippenhaft, bei der die gesamte Familie mit ausgelöscht wird - eine Erscheinung, die man vor allem aus totalitären Systemen kennt. Wie läßt sich das mit einem friedliebenden Charakter wie dem Kongzis und der Forderung nach Vergebung vereinbaren?

Antwort:

Wie im »Buch von den Pflichten des Kindes« ausgeführt, ergibt sich Strafe, auch beeinflußt durch den Legalismus, durch und durch logisch aus der Problematik der Kriminalität und des Ungehorsams. Damit ergibt sich aber auch eine ganz einfache und pragmatische Lösung für dieses Problem: Keine Straftaten - keine Strafe.

Die Frage, ob Strafe ihre Berechtigung hat, ist demnach falsch gestellt. Vielmehr müßte sie lauten: Warum begeht jemand eine Straftat, obwohl er weiß, daß dies strafbar ist?

Dies hatte auch Kongzi sehr umfassend ausgeführt, indem er betonte, wie wichtig es ist, auf die Ursachen und Gesamtzusammenhänge einer Straftat zu schauen statt nur auf Gesetz und Strafe. Wenn wir es schaffen, diese grundlegenden Probleme zu lösen, wird Strafe ganz von allein unnötig.

Dies spiegelt sich auch in modernen Gesetzestexten wider. So lauten beispielsweise etliche Paragraphen des deutschen Strafgesetzbuches verkürzt: »Wer eine Straftat begeht, wird bestraft.« Strenggenommen gelten diese Gesetze also gar nicht, solange niemand eine dort beschriebene Straftat begeht; die Straftat ist unabdingbare Voraussetzung für Strafe. Und damit ergibt sich wieder die Frage, warum jemand eine Straftat begeht, obwohl er weiß oder nach der Goldenen Regel und genügend eigener Einsicht zumindest wissen muß, daß diese Tat strafbar sein muß.

Entsprechend steht über den Strafgesetzen auch ein wichtiger Grundsatz: Keine Strafe ohne Gesetz. Läßt sich eine Tat also nicht in den bestehenden Gesetzesrahmen einordnen oder kommt es gerade durch die modernen technischen Entwicklungen zu neuen Möglichkeiten, eine Straftat zu begehen, muß diese erst einmal definiert werden, um als strafbar zu gelten. Und wieder stellt sich dabei die grundlegende Frage: Warum tut jemand etwas, von dem er selbst nicht wollen kann, daß es ihm widerfährt? Die Definition einer Straftat ist also mit gesundem Menschenverstand und Vernunft genauso hinfällig wie die Strafe selbst, wenn jeder nur überlegt, ob das, was er tut, den gesellschaftlichen Normen entsprechen kann beziehungsweise ob er wollen kann, daß ihm ein anderer so etwas antut. Damit läßt sich selbst Kriminalität auf das wichtigste der konfuzianischen Prinzipien zurückführen: Achtsamkeit. Wer sich vorab fragt, ob eine Tat gut sein kann, wird sicher auch keine Straftaten begehen.

Gerade der Punkt der eigenen Einsicht und Achtsamkeit stellt vor das Verbrechen und die daraus resultierende Strafe also ganz andere Probleme: Die richtige Erziehung zu Achtsamkeit und vernünftiger Einsicht. Damit ergibt sich auch, daß es sich bei Kriminalität um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, das auch eine gesamtgesellschaftliche Lösung braucht. Solange, wie so oft kritisiert, nur »die Kleinen gehenkt werden, man die Großen aber laufen läßt«, fehlt die gerade in der heutigen Zeit medial befeuerte Vorbildwirkung, die eine gesamtgesellschaftliche wohlwollende Erziehung möglich macht. Warum soll denn in einer kleinen Familie etwas besser laufen als im großen Maßstab? Warum soll beispielsweise jemand, der sich bei einer Steuererklärung vielleicht tatsächlich nur verrechnet hat, bestraft werden, während globale Unternehmen Steuervermeidung, -umgehung und -hinterziehung im großen Stil praktizieren und damit ungeschoren davonkommen, vielleicht der Politik noch diktieren, wie diese die Steuergesetze mit entsprechenden Schlupflöchern ausgestalten soll?

Demgegenüber muß man natürlich aber auch sagen, daß es genug Menschen gibt, die keine Straftaten begehen. Hier funktionieren also solche Faktoren wie Erziehung und vernünftige Einsicht und Achtsamkeit, ob nun bewußt oder unbewußt. Und selbst bei Straftätern kommt es oft genug vor, daß, wenn sie für einen Fehltritt verurteilt wurden, sich Einsicht und Reue zeigen. Das System - beginnend bei Achtsamkeit und Erziehung bis hin zur Strafe - funktioniert also bis zu einem bestimmten Punkt. Und damit ergibt sich auch die Pflicht, daß wir uns gerade über die über diesen Punkt hinausgehenden Fragen Gedanken machen müssen. Das soll nicht heißen, daß wir gerade bei schweren Verbrechen bedingungslos Mitleid mit dem Täter haben müssen. Das wäre eine sehr hohe Forderung, die nur sehr schwer umsetzbar wäre und vor allem bei schweren Verbrechen kaum auf Akzeptanz stoßen dürfte. Was wir aber tun können, ist, die Ursachen für ein Verbrechen zu verstehen, um auf diese Weise Möglichkeiten zu überdenken, wie wir dieses wenigstens in Zukunft verhindern können. Die Strafe ist eine solche Möglichkeit, Wiedergutmachung eine andere, richtige Erziehung ist die Grundlage, gegenseitige Achtsamkeit, Mahnung und Warnung gehören genauso dazu, und so läßt sich die Liste beliebig fortsetzen. Was wir tun müssen, ist, uns ernsthaft mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und gesamtgesellschaftlich an der Lösung des Problems zu arbeiten.

Welche begrenzten Möglichkeiten die bestehenden Strafsysteme zudem haben, zeigt sich an vielen Situationen: In den Vereinigten Staaten von Amerika wurden und werden Straftäter zu Gefängnisstrafen von beispielsweise 140 Jahren verurteilt. Wie soll diese Strafe realistisch umgesetzt werden? Auch bei Massenmördern, Amokläufern und anderen Wiederholungstätern stellt sich diese Frage: Selbst wenn mit der Todesstrafe ein Mord gerächt wird, wie oft soll man den Täter töten, wenn er zwei, zehn oder hundert Morde begangen hat? Er kann nur einmal ultimativ bestraft werden. Und damit gerät die ganze Frage nach dem Sinn einer Strafe ins Wanken. Wie könnte man jemanden für fünfzehn Morde fünfzehnfach mit dem Tode bestrafen, selbst wenn auch solche Urteile schon gefallen sind.

Auch Wiedergutmachung in Form von Schmerzensgeldzahlungen oder der Wiederherstellung eines früheren Zustandes bei Sachbeschädigung sind fragwürdig. Bei der Schmerzensgeldzahlung stellt sich die Frage, welches Schmerzensgeld denn angemessen ist oder wie man beispielsweise die durch einen Mord den Angehörigen verlorene geliebte Person ersetzen soll. Wie soll man angemessen ein Leben eines Menschen entschädigen, der vielleicht fortan körperlich oder geistig behindert ist? Wie soll man einer Familie oder auch der gesamten Gesellschaft eine verlorene Arbeitskraft ersetzen, wie vielleicht den einzigen Ernährer einer Familie, bei der nur (noch) ein Elternteil existiert? Dies ist mit dem einfachen Aufwiegen der medizinischen Behandlungskosten keineswegs abzudecken; eine Strafe macht die Situation erst recht nicht besser. Selbst wenn man, wie es oft genug in der Geschichte vorgekommen ist, Straftäter ins Arbeitslager steckt, damit sie ihre Strafe abarbeiten können - wer will ihnen den dafür notwendigen Lohn zahlen? Und welcher Lohn soll ihnen denn gezahlt werden, wenn sich der Schaden im Millionen- oder gar Milliardenbereich bewegt? Mit welchem Lohn ist ein Menschenleben abgegolten? Im Gegenteil bekommt ein Straftäter in einem Gefängnis ja sogar noch ein Dach über dem Kopf und drei Mahlzeiten am Tag, geregelte Strukturen und ähnliches - ein »Luxus«, den beispielsweise viele Obdachlose nicht einmal haben. Hierzu sei ein besonders auch in Bezug auf den Mundraub krasser Mißstand in der gesamten Gesellschaft einmal klar benannt: Diebstahl ist strafbar, aber Hunger nicht. Daran dürfte sich wohl deutlich zeigen, wieviel in unserer Gesellschaft schiefläuft und keineswegs nur mit einer Klärung des Strafsystems zu bewältigen ist. Die Probleme sind noch wesentlich größer.

Der andere Fall, wenn beispielsweise Sachschäden eingetreten sind, ist die Frage: Wer will ein vollkommen zerstörtes Gut wiederherstellen, erst recht mit einem bestraften Täter, der im Gefängnis sitzt? Wer will beispielsweise ein historisches Kunstwerk, dessen Herstellungstechniken vielleicht nicht einmal mehr bekannt sind, restaurieren? Dies läßt sich alles nicht mit einer Strafe abdecken oder wiedergutmachen. Und dabei ist der ideelle Wert eines Gutes oder die für seine Herstellung aufgewandte Arbeits- und Lebenszeit noch nicht einmal zur Sprache gekommen, abgesehen vom verlorengegangenen Sicherheitsgefühl des Besitzers oder auch der ganzen Gesellschaft. Sicher beruhigt es für einen Moment, wenn man erfährt, daß der Täter weggesperrt oder gar mit dem Tode bestraft wird, aber der nächste Täter begeht zweifellos schon seine nächste Tat, die sich mit der Bestrafung des vorhergehenden nicht verhindern läßt. Ja, selbst die erste Tat war mit dem bestehenden Strafsystem nicht zu verhindern. Darin zeigen sich massive Lücken und Grenzen des Strafsystems und noch viel tiefergehende gesamtgesellschaftliche Probleme.

Selbst wenn man das Strafsystem eher naturalistisch betrachten will, ergeben sich genau dieselben Prinzipien: Es ist nachgewiesen, daß der Mensch genauso wie jedes andere Tier durch intensive Gefühle, die mit einem Sachverhalt verbunden sind, deutlich besser lernt. Bei Verboten, die sich die menschliche Gesellschaft durch Gesetze selbst gegeben hat, hieße dies, der Lernprozeß ist am ehesten durch Schaden und Schmerz - also Strafe - voranzubringen. Kein Vogel wird ein zweites Mal einen giftigen Käfer fressen, wenn er ihn einmal versehentlich oder aus Neugierde probiert und erkannt hat, wie bitter er ist. Vorausgesetzt, er überlebt diese Begegnung und fällt nicht sofort der »Todesstrafe« zum Opfer. Auch die natürliche Scheu vieler Wildtiere vor anderen Tieren oder dem Menschen entspringt keinem anderen Instinkt als dem Selbstschutz und dem Selbsterhaltungstrieb - Kongzis oberste Prinzipien der Selbstachtsamkeit -, der letztlich in der (zukünftigen) Vermeidung einer vergleichbaren Situation resultiert. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, selbst das Strafsystem wäre ein Naturgesetz, die Kodifizierung in Gesetzestexten nur Konvention. Und wie schon im »Buch von den Pflichten des Kindes« ausgeführt, muß also gerade bei der Wiederholung einer Straftat die Vernunft, Lern- und Einsichtsfähigkeit des Menschen in Frage gestellt werden, der selbst nach einer Strafe weitere Straftaten begeht. Aufgabe der Ethik, der Moral und der Erziehung wäre es, sich nicht, wie man auf den ersten Blick vermuten mag, über dieses Naturgesetz zu erheben, sondern im Gegenteil im Rahmen und vor allem im Bewußtsein dieses Naturgesetzes die menschliche Gesellschaft so zu gestalten, daß ein für alle förderliches Miteinander entsteht, in dem Verbrechen nicht existieren und Strafe damit überflüssig wird. Solange wir dies nicht schaffen - die Ursachen beseitigen -, bleibt uns in unserer eigenen Hilflosigkeit und dem Scheitern an den uns selbst gesteckten Zielen wohl nur, durch Schaden und Schmerz - also Strafe bis hin zur Todesstrafe - zu lernen.

Auch die vor allem in der chinesischen Historie vielfach angewendete Sippenhaft, bei der ganze Familien gerade von hohen Beamten komplett ausgelöscht wurden, was regelmäßig durch Hinrichtungen im dreistelligen Bereich vollstreckt wurde, ist in vielerlei Hinsicht fragwürdig und ergibt sich doch genauso folgerichtig wie die Todesstrafe. Im »Buch von den Pflichten des Kindes« wurde bereits ausgeführt, daß sich jeder mitschuldig macht, der ein Verbrechen duldet oder bereits durch mangelhafte Erziehung zuläßt, daß sich ein Mensch überhaupt zum Straftäter entwickeln kann, von Anstiftung zu einer Straftat ganz abgesehen. Auch hier ergibt sich ganz klar die Forderung an die gesamte Gesellschaft, die in der eigenen Familie beginnt. Wenn Eltern oder nahe Verwandte ihre Kinder vernachlässigen oder mißhandeln, darf sich niemand wundern, wenn sich dies im späteren Leben niederschlägt. Der eine oder andere wird je nach Gemüt vielleicht Selbstmord begehen, um dieser Situation zu entgehen, aber ein großer Teil, das zeigt die Realität, wird tatsächlich straffällig, in welcher Form auch immer. Und gerade das Problem der Vernachlässigung ist ein nicht zu unterschätzendes, da es nicht nur die »herkömmliche« Verwahrlosung umfaßt, sondern noch viele andere Gesichter hat, die aufzuzählen jeden Versuch scheitern lassen würde.

Nach der Familie setzt sich diese gesamtgesellschaftliche Pflicht beispielsweise in Freundeskreisen, Klassenverbänden in der Schule oder auch der nachbarschaftlichen Umgebung fort, die Einfluß auf die wohlwollende Entwicklung eines Kindes nehmen können und sollen. Wie oft ist es vorgekommen, daß gerade nach schweren Verbrechen nahestehende Menschen mitgeteilt haben, sie hätten nichts von den negativen Entwicklungen eines Kindes oder auch eines erwachsenen Menschen mitbekommen? Dies reicht von Absonderung, die bei einem sozialen und kommunikativen Wesen wie dem Menschen stets ein Alarmsignal ist, bis hin zur offenen Aggression, der die wenigsten Menschen begegnen wollen oder können, wo ein wohlwollender Kontakt aber um so notwendiger wäre. Auch so kann eine gesamtgesellschaftliche Vernachlässigung aussehen. Und wie oft ist es gerade bei solchen Erscheinungen wie dem Mobbing so, daß sich das gesamte Umfeld gegen einen Menschen wendet, also tatsächlich aktiv seine Ausgrenzung und Mißhandlung betreibt? Wie kann es in solchen Fällen verwundern, daß dieser Mensch irgendwann zerbricht und sich in irgendeiner Form zur Wehr setzt? Es steht also außer Frage, daß die gesamte Gesellschaft eine Verantwortung trägt, weil die menschliche Gesellschaft nur als Ganzes funktionieren kann. Und damit ergibt sich Sippenhaft auch als ebenso logische Konsequenz aus dieser gesamtgesellschaftlichen Vernachlässigung und Mißhandlung. Niemand, der wegschaut oder gar aktiv an der schlechten Entwicklung eines Kindes mitwirkt, darf von sich behaupten, unschuldig zu sein - man bedenke in dieser Hinsicht auch die Frage der Erbsünde in den abrahaminischen Religionen, die letztlich nichts anderes sagt. Inwiefern sich dies strafrechtlich auswirken kann, hat die Geschichte gezeigt und sollte auch heute noch zumindest zum Nachdenken anregen. Und dabei sei zum wiederholten Male betont: Erst wenn wir die tieferen Zusammenhänge und Ursachen verstehen, können wir wirklich einen Wandel bewirken.

Ein ganz anderer Umstand der Sippenhaft, der praktisch nie bedacht wird, ist die Tatsache, daß sie bis heute noch sehr »erfolgreich« praktiziert wird. Auch wenn dies auf den ersten Blick eine erschreckende Aussage ist, ist sie bei tieferer Betrachtung doch leider bittere Wahrheit. Denn egal welche Straftat man begeht, einen Verrat begeht man auf jeden Fall: zuerst an sich selbst, dann den an seiner eigenen Familie, an seinen Freunden und Schulkameraden, Arbeitskollegen bis hin zur gesamten Gesellschaft. Wie schnell fällt ein negatives Licht auf das eigene Umfeld zurück, das doch hätte sehen müssen, daß sich ein Kind in die falsche Richtung entwickelt, Nachbarn, die weggeschaut haben, selbst Hilfseinrichtungen wie das Jugendamt, die sich keiner Schuld bewußt sind, Lehrer oder Arbeitskollegen, die Unregelmäßigkeiten hätten bemerken müssen, und so weiter. Das (eigene) Ansehen jeder dieser Instanzen wird durch eine Straftat mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen und wird vom weiteren Umfeld entsprechend geächtet, als ob dieses selbst von sich behaupten könnte, in einer anderen Form reagiert zu haben, wäre es in derselben Situation gewesen. Insofern verhängt der Straftäter die Sippenhaft sogar selbst über seine eigene Familie und sein eigenes Umfeld. Und gleichzeitig verurteilt er sich zu seiner eigenen Strafe, wenn die Familie nichts mehr mit ihm zu tun haben will, sich von ihm lossagt, ihn enterbt oder ähnliche Schritte geht. Man erinnere sich daran, daß im alten China Eltern ihre eigenen Kinder anklagen und zur Todesstrafe verurteilen durften. So wird die ganze Familie, der ganze Freundeskreis und so weiter gestraft und bestraft sich doch gleichzeitig selbst für die eigene Unfähigkeit, dem rechtzeitig entgegengewirkt zu haben. Sippenhaft ist demnach genauso wie die Strafe bis hin zur Todesstrafe ein gesamtgesellschaftliches Problem, das zwingend eine gesamtgesellschaftliche Lösung erfordert. Mehr noch, wenn man annimmt, daß die Lossagung von einem Straftäter eine nachvollziehbare und verständliche Reaktion ist, muß man dies sogar als regelrechtes Naturgesetz annehmen. Niemand will etwas mit jemandem zu tun haben, der die Regeln bricht. Und dabei merken wir nicht einmal, daß wir damit selbst ganz offen die grundlegenden Regeln brechen, nämlich die des gesellschaftlichen Miteinanders, der Achtsamkeit und des gegenseitigen Aufeinanderzugehens. Denn wie bereits weiter oben und im »Buch von den Pflichten des Kindes« ausgeführt, brauchen gerade diejenigen unsere Hilfe, die vom rechten Weg abgekommen sind, so schmerzhaft dies auch in vielen Fällen sein mag. Wenn wir aber alle gegen die Grundregeln der Gemeinschaft verstoßen, brauchen wir alle diese Hilfe und landen so in einer Zwickmühle, die uns nur noch hilfloser macht. In diesem Sinne sind wir längst in Sippenhaft - sowohl was die Verantwortung als auch die Strafe angeht - gefangen und verfangen.

In dieser geradezu ausweglosen Zwickmühle - der Unfähigkeit, ein Verbrechen zu verhindern, und der Hilflosigkeit, angemessen und wohlwollend darauf zu reagieren - bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als zu strafen, solange wir nicht vergeben können - dem Täter wie auch uns selbst. Wir brauchen die Strafe, weil es uns nicht gelingt, eine verbrechensfreie Gesellschaft zu schaffen.

Der aufmerksame Leser wird auch festgestellt haben, daß allein der Kommentar zu den Fünf Strafen zu den längsten Abschnitten im Buch gehört, die sich mit einem einzelnen Thema beschäftigen - erst recht im Verhältnis zu einem der kürzesten Kapitel des »Buches von den Pflichten des Kindes«. Zudem wird an vielen anderen Stellen - beispielsweise Hausarrest, Aussage- und Zeugnisverweigerungsrecht und etlichen anderen - immer wieder direkt oder indirekt auf das Thema der Kriminalität, des Ungehorsams und der Strafe Bezug genommen. Allein dies zeigt, wie weitreichend diese Problematik ist, in wie viele andere Bereiche sie eingreift oder wo Lehren aus diesen abgeleitet werden können. Und schon Kongzi selbst hat es sich keineswegs einfach gemacht, dieses Thema mit drei Worten abzutun. Wie Diskussionen bis in die heutige Zeit zeigen - was bereits im Buch ausgeführt wurde -, ist dies kein leichtes Thema und führt immer wieder zu Streit zwischen Befürwortern und Gegnern. Um so wichtiger ist es, wie auch Kongzi gesagt hat, die Ursachen für Verbrechen zu ergründen und an deren Beseitigung zu arbeiten. Und daß dies bei der Erziehung der Kinder beginnen muß, hat neben Kongzi beispielsweise auch Mahatma Gandhi betont: »Wenn wir wahren Frieden wollen, müssen wir bei den Kindern beginnen.« Ist dies geschafft, wird Strafe - auch die Todesstrafe oder die Sippenhaft - ganz von allein überflüssig.

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